Der Färberhof
Text von Sarina Sievert, April 2026, Erstveröffentlichung im Weleda Magazin Werde, Ausgabe Juni 2022
Fotos von Alexander Ratzing
Am Stadtrand von Freiburg liegt der Kunzenhof, versteckt hinter einem Hügel am schattigen Hang. Gabriele Plappert lebt dort seit Jahrzehnten ein Leben im Einklang mit der Natur und ihren Kreisläufen.
Es ist Hochsommer, als wir Gabriele Plappert auf ihrem Hof im Schwarzwald besuchen. Linkerhand eine Wiese, die mehr dem Eingang eines Gartengrundstücks gleicht. Wir spazieren durch das offene Tor, auf dem in bunter Schrift „Kunzenhof“ steht, einen kleinen Weg entlang. Wir kommen nur langsam voran. Uns begegnen Katzen, eine Laufentenfamilie und besondere Schmetterlinge. Vorbei an summenden Beeten und Sträuchern, mit Holzstelen eingezäunten Gärten und einem plätschernden Brunnen mit eiskaltem Wasser führt uns der Pfad bergauf. Hinter einer Kuppe versteckt entdecken wir das Haupthaus. Eine Hündin mit ihren beiden Welpen begrüßt uns bellend, als wir den Eingang suchen. Alles hier gleicht dem Traum eines Bauernhofs. Noch bevor wir sie sehen, hören wir Gabrieles herzliches Lachen.
Liebe Gabriele, wie bist du Bäuerin geworden?
GP: Ich habe mir in der Schulzeit die Frage nach einem passenden Beruf gestellt. Es lag nahe, dass ich Musik studiere, meine Eltern waren beide Musiker. Ich wollte aber Musik immer aus Freude machen und nicht als Beruf. Ich habe mir überlegt: Was wäre ein Beruf, bei dem ich alles wissen und alles können muss? Dann bin ich zur Berufsberatung gegangen und habe gesagt, ich überlege, ob ich Bäuerin werde. Die Frau dort antwortete, das sei doch wunderbar. Sie erzählte mir, dass man in Hohenheim Agrarwissenschaft studieren und sich für die Fachrichtungen Pflanzenbau oder Viehhaltung entscheiden könnte. Ich habe dann eine landwirtschaftliche Lehre gemacht. Das ist jetzt 48 Jahre her.
Was hat dich nach deiner Lehre an diesen wunderschönen Ort geführt?
GP: Die Mutter der Vorbesitzerin dieses Hofes ist gestorben und hat jemand Passenden als Nachfolgerin gesucht. Am Tag von Tschernobyl, also am 26. April 1986, sind wir dann eingezogen. Zehn Jahre lang habe ich den Hof wiederaufgebaut, hier war nichts mehr. Ich habe meine vier Kinder hier großgezogen. 1999 haben Eltern gefragt, ob wir nicht etwas für ihre Kinder machen können, damit sie nicht den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen. Seitdem haben sich unsere Veranstaltungen für Kinder und Erwachsene auf dem Kunzenhof als Lernort im Freiburger Raum etabliert.
Was zeichnet dein Bildungsangebot aus?
GP: Die Kinder erleben den Jahreslauf durchs Tätigsein mit. Sie erfahren die ganze Vielfalt der Landwirtschaft – Themen wie Brot backen, Melken, die Milch verarbeiten oder Heu machen. Einige dieser Kinder sind heute selbst Landwirtinnen und Landwirte geworden, was ich besonders spannend finde, da sich Lebensläufe daraus entwickelt haben, die wieder in der Landwirtschaft angesiedelt sind. Das ist genau die Schwelle, die wir nehmen müssen: den Bezug herstellen und dann auch das Interesse dafür. Denn die Landflucht wird ja auch dadurch angefeuert, dass der fehlende Bezug schon so weit vorangeschritten ist.
Was glaubst du: Wie kann dieser fehlende Bezug überwunden werden?
GP: Wenn wir zum Beispiel das Holz aus dem Wald holen, geht es eigentlich nicht darum, dass die Kinder das Holz holen. Es geht vielmehr darum, dass sie auf gewachsenem Boden laufen.
Was nimmst du aus diesen Erfahrungen mit?
GP: Nach über 20 Jahren dieser Arbeit kann ich sagen, dass wir im verstädterten Alltag so unendlich weit weg sind von der natürlichen Welt. Wir haben keine echte Berührung mehr zu ihr. Wir sind zum Beispiel umgeben von Heilmitteln. Unsere ganze Natur, all die Wildkräuter, sind einzig zu unserem Wohlgedeihen da. Es ist alles da. Wir brauchen eigentlich nichts.
Und wie schaffst du es, diese Berührung wieder zu vermitteln?
GP: Für mich ist die große Frage: Wie kann ich Menschen die Hand reichen, wieder in Verbundenheit zu gehen zu den Lebensgrundlagen? Denn wissen tun wir alles. Aber wie kann ich selbst wieder fühlen? Ja, ich will eine gewisse Mühsal auf mich nehmen, diesen gewissen Abschied nehmen vom Wohlstandsgebaren und will mich wieder mit Freude selbst verbinden mit meinen Lebensgrundlagen.
Alles, was Gabriele an diesem Tag trägt, scheint eingebettet in den Kreislauf des Hofs. Helle Leinenkleider bedecken ihren Körper, ihre Haare sind geflochten und mit einem gewebten Haarband zusammengebunden. Ihre Stimme ist hell und klar, durch ihre lebendigen Erzählungen weckt sie in uns eine kindliche Neugierde. Barfuß geht sie voran, und wir kommen auf dem Weg am Komposthaufen vorbei. Sie gräbt Regenwürmer aus der warmen Erde und zeigt sie auf ihren offenen Handflächen. Wir gehen weiter, entlang des kleinen Kieselsteinwegs, vorbei an einer Quelle. Sie ist der Grund, weshalb der Hof hier vor 400 Jahren erbaut wurde, und für Gabriele das kostbarste Kapital. Jahr für Jahr trocknet die Quelle mehr aus. Wir biegen am Haus vorbei in den Kräuter- und Färbergarten ein.
Welche Färbepflanzen gibt es in deinem Garten?
GP: Ich baue Färberkamille, Färberwaid und Krapp als Färbepflanzen an. Von der Färberkamille werden die gelben Blütenköpfchen gesammelt, vom Waid die Blätter und von der Krapppflanze die Wurzeln. Über den Kräutergarten hinaus ist unsere Umgebung voll mit Färbepflanzen. Rainfarn wächst überall im Gelände, ebenso Schafgarbe, Johanniskraut, Goldrute, Blätter von Himbeere, Brombeere, Birke und, ganz wichtig, die grünen Schalen der Walnuss. Vergangenes Jahr hatte sich die Iris im Garten so ausgebreitet, dass ich sie auslichten musste. Da habe ich dann mit ihr gefärbt. Das ganze Jahr über sammle ich in der Küche die Schalen von Zwiebeln – eine ganz wunderbare Färbepflanze.
War es früher normal, Färbepflanzen im eigenen Hausgarten anzubauen?
GP: Die Gelb-, Braun- und Grüntöne sind sehr leicht aus der Wildsammlung zu bekommen. Die Farben Blau und Rot waren früher Königen und Kardinälen vorbehalten. Die Pflanzen dafür wurden im Mittelalter gewiss nicht nur feldmäßig angebaut, sondern waren auch ein wichtiges Handelsgut. Karl der Große ordnete zum Beispiel den Krapp- und Waidanbau auf allen seinen Fronhöfen an.
Was färbst du, und wie sieht der Färbeprozess aus?
GP: Ich habe bisher Schafwolle, Mohair, also Ziegenwolle, und Seide gefärbt. Das Färben kommt ganz auf die Pflanzen und Stoffe an. Es gibt mehrere Verfahren, den Farbstoff aus den Pflanzen zu locken, zum Beispiel das leuchtende Gelb aus den grünen Birkenblättern. Fast alle unsere Färbepflanzen brauchen eine Vorbehandlung, die Beize des Färbeguts, damit es den Pflanzenfarbstoff überhaupt aufnehmen kann. Damit sind wir schon beim Thema, dass auch das Färben mit Pflanzenfarben nicht ohne „Chemie“ zu machen ist. Eine einzige Ausnahme ist die Walnuss mit ihren grünen Schalen der unreifen oder gerade reifenden Nuss. Verschieden lange in der Färbeflotte liegend, können damit wunderbare, sehr haltbare Brauntöne bis hin zu Orange gefärbt werden. Ansonsten beize ich die Wolle zuerst mit Alaun, neben Weinstein vermutlich das am wenigsten giftige Beizmittel.
Wie läuft eine Färbung genau ab?
GP: Die gesammelten Färbepflanzen werden meist eine Stunde lang ausgekocht. Sie können frisch oder getrocknet verwendet werden. Gewichtmäßig braucht man von der frischen Pflanze doppelt bis dreifach so viel. Das wären, wenn man ein Kilo Wolle gelb färben möchte, etwa vier Kilo frische oder zwei Kilo getrocknete Birkenblätter. Eine weitere „Entwicklung“ der Färbeflotte von Gelb nach Grün ermöglicht die Beigabe von etwas Eisensulfat. Die Blaufärberei dagegen ist eine große Wissenschaft. Früher hielten die Blaufärber ihre Färberezepte meist geheim. Alchemie und Färbekunst lagen nah beieinander.
Haben Pflanzenfarben einen Einfluss auf die Art, wie wir uns kleiden?
GP: Über Jahrtausende war die Menschheit gekleidet mit Materialien aus der Natur, gefärbt – wenn überhaupt – mit Färbemitteln, die aus Pflanzen oder Insekten gewonnen wurden. Stoffe, die mit Pflanzen gefärbt werden, passen harmonisch alle zusammen, so wie es in der Natur auch ist. Naturfarben strahlen im Gegensatz zu synthetischen Farben eine gewisse Ruhe aus.
Wann hat sich das geändert?
GP: 1856 wurde durch Zufall der erste synthetische Anilinfarbstoff von einem 18-jährigen Chemiestudenten entdeckt, der versuchte, ein Mittel gegen Malaria zu entwickeln. Dieser Farbstoff, Mauve, wurde aus dem giftigen Abfall der Koksfabriken in der aufblühenden Industrialisierung gewonnen. Die Wiege synthetischer Farben aus der industriellen Herstellung lag in Deutschland und entwickelte sich bald zur lukrativen Pharmaindustrie.
Wo werden unsere Textilien heute gefärbt?
GP: Meistens in Asien. Wie genau, lässt sich nur schwerlich herausfinden. Umweltauflagen und Arbeitsschutz sind kaum vorhanden. An der Farbe der Flüsse lässt sich dort die neue Modefarbe ablesen. Eines ist gewiss: Die leuchtenden Farben unserer Kleidung tragen eine wenig rühmliche Geschichte. Auch der Haut tun wir mit den chemischen Farben nichts Gutes. Insbesondere Schwarz sollte nicht auf der Haut, das heißt als Unterwäsche getragen werden. Da nützt es auch nichts, wenn die Faser eine Bio-Herkunft hat.
Versteckt hinter einer Vielzahl an unterschiedlichen Pflanzen, zeigt uns Gabriele einen üppigen Busch mit kleinen schwarzen Samen. Es ist der Färberwaid, in ihm steckt die Farbe Blau. Wir gehen davon aus, dass die Farbe aus den Samen gewonnen wird, doch Gabriele erklärt, dass der Blaustoff in einem aufwendigen Prozess aus den Blättern gewonnen wird.
Sollten wir jetzt alles mit Pflanzen färben?
GP: Nein, das können wir nicht. Aber am Beispiel der Farbe können wir uns damit beschäftigen, wie wir konsumieren wollen. Brauchen wir grelle Farben, brauchen wir die Farbe Schwarz? Das ist der Grund, warum wir hier die Färbekurse machen: weil wir dann wieder darüber nachdenken, wie wir uns eigentlich kleiden wollen.
Was möchtest du mit den Färbekursen bewirken?
GP: Färben ist ein lebendiger Prozess, das ist für mich die Faszination daran. An diesem Beispiel kann die Verflechtung ökologischer, ökonomischer und sozialer Gesichtspunkte exemplarisch verdeutlicht werden. Es ist die Einladung für eine gesündere Lebensweise und eine bewusstere Entscheidung von Konsum. Mit dem Wissen um den Ursprung der Farben können wir vielleicht mehr Wertschätzung gegenüber der natürlichen Welt und ihren Zyklen entwickeln. Ich hoffe, ein wenig dazu beizutragen.
SARINA SIEVERT Der Besuch auf dem Kunzenhof weckte eine kindliche Neugierde in der Autorin und klang noch lange in ihr nach. Besonders gern erinnert sie sich daran, wie herzlich an dem Tag bei Gabriele Plappert miteinander gelacht wurde.
ALEXANDER RATZING Der Fotograf fühlte sich bei Gabriele Plappert in eine andere Zeit versetzt. Er sagt: Den Kunzenhof im Hochsommer zu erleben, wenn all die Blumen blühen und die Natur vor Leben strotzt, hat dem Ort noch mehr Kraft gegeben.