Pflanzenfarben – wenn Farbe wieder Teil der Landschaft wird

Text von Regula Staub, Juli 2026

Fotos von Anne Scheidegger, Botanitex und Corina Rüegg, lilablum

Was wäre, wenn Farben mehr wären als ein gestalterisches Element? Wenn sie von Böden, Pflanzen, Jahreszeiten und den Menschen erzählen würden, die sie kultivieren und verarbeiten?

 

Mit dieser Frage beschäftigten wir uns beim Fibershed DACH Talk vom 30. Juni gemeinsam mit Anne-Marie Scheidegger von Botanitex und Corina Rüegg von Lilablum. Der Abend machte eindrücklich sichtbar, dass Pflanzenfarben weit mehr sind als eine ökologische Alternative zu synthetischen Farbstoffen. Sie laden uns ein, Textilien neu zu betrachten – als Teil lebendiger regionaler Kreisläufe.

Farbe beginnt nicht in der Färberei

Wenn wir über Textilien sprechen, denken wir häufig an Fasern, Stoffe oder Kleidungsstücke. Dabei beginnt auch Farbe lange bevor ein Garn in ein Farbbad eintaucht.

Sie beginnt auf dem Feld.

Dort wachsen Pflanzen, die über Jahrhunderte hinweg unsere Kleidung gefärbt haben und heute langsam wieder ihren Platz in der textilen Wertschöpfung finden. Mit ihnen entstehen neue Verbindungen zwischen Landwirtschaft, Handwerk und Textilproduktion. Farbe wird wieder zu etwas, das einen Ursprung hat und damit auch eine Geschichte.

Diese Geschichten machen sichtbar, woher ein Material kommt, wer daran gearbeitet hat und welche Landschaften es geprägt haben. Sie schaffen Nähe zu einem Produkt, das in globalen Lieferketten oft anonym geworden ist.

Die Schönheit des Natürlichen

Pflanzenfarben erinnern uns daran, dass die Natur keine Perfektion im industriellen Sinn kennt. Farben verändern sich leicht, reagieren auf Wasser, Boden, Jahreszeit oder Faser. Genau darin liegt ihre Lebendigkeit.

Vielleicht dürfen wir lernen, diese kleinen Unterschiede nicht als Mangel zu sehen, sondern als Ausdruck von Echtheit.

Auch ungefärbte Naturfasern oder naturfarbene Wolle erzählen ihre eigenen Geschichten. Nicht jede Faser muss verändert werden, um schön zu sein. Oft entsteht gerade durch die zurückhaltenden, natürlichen Farbwelten eine Harmonie, die sich kaum künstlich erzeugen lässt.

Regenerative Wertschöpfung braucht Zeit

Ein Gedanke des Abends blieb besonders hängen: Regenerative Textilien entstehen nicht erst beim Weben oder Nähen, sie beginnen bereits in der Landwirtschaft.

Färbepflanzen können Betrieben neue Einkommensmöglichkeiten eröffnen und regionale Kreisläufe stärken. Gleichzeitig machen sie deutlich, dass natürliche Prozesse Zeit brauchen. Krapp beispielsweise wächst mehrere Jahre, bevor seine Wurzeln geerntet werden können.

Pflanzenfarben erzählen deshalb auch eine Geschichte über Geduld. Über den Wert langfristigen Denkens in einer Branche, die häufig auf Geschwindigkeit und maximale Effizienz ausgerichtet ist.

 
 

Zwischen Tradition und Innovation

Der Austausch zeigte aber auch: Pflanzenfärben bedeutet keineswegs einen Schritt zurück.

Heute stehen deutlich nachhaltigere Beizverfahren zur Verfügung als noch vor wenigen Jahrzehnten, und an weiteren Innovationen wird intensiv geforscht. Gleichzeitig wächst das Wissen darüber, wie Pflanzenfarben auch in industriellen Prozessen eingesetzt werden können.

Vom handgefärbten Einzelstück bis zur industriell produzierten Meterware, die Möglichkeiten sind vielfältiger, als viele vermuten.

Natürlich bleiben Herausforderungen bestehen. Pflanzenfarben verlangen Erfahrung, Sorgfalt und die Bereitschaft, natürliche Veränderungen mitzutragen. Doch vielleicht ist genau diese Haltung Teil der Transformation, die unsere Textilindustrie braucht.

Neue Fragen statt einfache Antworten

Besonders bereichernd war die lebendige Diskussion mit den Teilnehmenden. Wie nachhaltig sind heutige Beizmittel wirklich? Wie lassen sich Wasch- und Lichtechtheit weiter verbessern? Wie können Pflanzenfarben skaliert werden, ohne ihre Werte zu verlieren? Und wie schaffen wir eine Nachfrage, die regenerative Wertschöpfung ermöglicht?

Es sind Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Aber sie zeigen, dass immer mehr Menschen bereit sind, über Textilien neu nachzudenken.

Denn wenn wir Farbe wieder als Teil eines lebendigen Ökosystems verstehen, verändert sich auch unser Blick auf Kleidung. Sie wird nicht länger nur zum Konsumgut, sondern zum Ausdruck einer Beziehung zu Landschaften, zu Materialien und zu den Menschen, die sie mit Wissen und Sorgfalt gestalten.

Wir danken Anne-Marie Scheidegger und Corina Rüegg herzlich für ihre inspirierenden Einblicke und allen Teilnehmenden für die Offenheit, die spannenden Fragen und den wertvollen Austausch. Gemeinsam knüpfen wir an einem Textilsystem, das regionale Kreisläufe stärkt, natürliche Ressourcen achtet und die Geschichten hinter unseren Materialien wieder sichtbar macht.

 
 
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